Vom Lehmbruck Museum nach Perm im Ural

admin am 27. Dezember 2010 um 07:50

Wer in diesen Tagen die Wackerbarth-Ausstellung “Here & There” im Duisburger Lehmbruck Museum besucht, wird das Möbel vermissen.

Nach Honduras und China entsteht derzeit eine Werkserie in Perm, Ural, Russische Föderation. Am 4. Dezember wurde die Rote Couch auf den Weg nach Perm in die Russische Föderation gebracht, in Moskau verzollt, erreichte sie in der Nacht zum 15. Dezember die Metropole im Ural, wo das Wackerbarth-Team das Möbel samt Licht (Arri 2,5 KW) übernahm.

Recherche in Perm 36 (Arbeits- und Gefangenenlager für Dissidenten der Sowjetunion). Wer die Geschichte Russlands verstehen will, muss sich mit dem Gulag beschäftigen. In Lagern wie Perm wurden Millionen Russen in die Verbannung geschickt und schufteten für den Fortschritt der Sowjetunion -kaum versorgt in eisiger Kälte- viele tausend Menschen kamen dabei um.

Die Arbeitsbedingungen sind bei -20 bis -40 Grad Celsius und meterhohem Schnee die Hölle. Wackerbarth: “Die Luft ist erfüllt mit glitzerndem Eisstaub, der das Atmen extrem erschwert. Der Kehlkopf und die Rotze in der Nase frieren ein und die Hand friert blitzschnell am Metallgehäuse der Kameras fest. Der Atem am Sucher der Kamera gefriert in Sekunden zu einer das Gehäuse überziehenden Eisschicht. Und die Nächte sind lang, nur 5 Stunden, um bei Tageslicht zu arbeiten.”

Auf meiner Facebook-Seite haben wir einige Bilder aus Perm zusammen gestellt.

Horst Wackerbarth zur Veranstaltung mit Thilo Sarrazin im Lehmbruck Museum

admin am 10. Dezember 2010 um 16:54

In der Presse halten sich hartnäckig Behauptungen, die nicht stimmen. Wer schreibt hier von wem ab, ohne zu recherchieren? Im Einzelnen:

1. Die Ausstellung „Here & There“ sei erfolglos, die Sarrazin-Veranstaltung solle deshalb Aufmerksamkeit generieren.
Das Ruhr2010-Projekt „Here & There“ ist eines der fraglos Erfolgreichen im Kultur-hauptstadtjahr. Es hatte eine herausragende Resonanz in der Presse. Die Vernissage im Lehmbruck Museum verzeichnet annähernd 1000 die Sarrazin Veranstaltung etwa 200
Besucher. Zahlreiche Menschen aus der Region besuchen das Lehmbruck Museum eigens um „Here & There“ zu sehen. Mehr kann ein Porträtwerk in einem Museum nicht leisten.

2. Sarrazin einzuladen wäre die Idee von Wackerbarth.
Die Idee wurde von Raimund Stecker, Lehmbruck Museum, während eines Meetings zur Vorbereitung der Ausstellung schon im September vorgetragen. „Deutschland schafft sich ab“ war gerade erschienen, die Ausstellung „Here & There“ noch in der Vorbereitungsphase. Ich habe den Vorschlag aufgenommen, da ich die Idee einer Gegenüberstellung zweier Konzepte, die unterschiedlicher nicht sein können, spannend fand und grundsätzlich immer noch finde.

3. Wackerbarth hätte „Deutschland schafft sich ab“ nicht gelesen.
Ich war einer der wenigen unter den Sarrazin-Gegnern und den Verantwortlichen der das dröge, langweilige Buch gelesen hat (ich habe nichts gelernt und keine Erkenntnis gewonnen). Ob Eva Hermans „Eva Prinzip“, Olaf Henkels „Rettet unser Geld, Deutschland wird ausverkauft“, Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“, all diese „Bestseller“ sind nach den gleichen Mustern gestrickt. Statistiken und Faktenlage führen zu abstrusen Schlussfolgerungen, zu Bedrohungsszenarien, die Stammtische begeistern. Gezielte Provokation soll Auflage schinden! Die Sarrazin-Ausführungen zu Demografie: Nichts Neues seit Schirrmachers „Methusalem Komplex“, zur Bildungspolitik: Pisa rauf und runter, zur Soziobiologie: Schlussfolgerungen aus willkürlich gewählten und wissenschaftlich nicht eindeutig belegten Studien. Das Buch verschafft der „Vox Populi“ ungeahnte Geltung ohne jegliche Erkenntnis zu befördern.
Frage: Warum hatte sich Thilo Sarrazin eigentlich nicht mit der Buchpublikation „Here & There“ beschäftigt, die ihm seit September vorlag?

4. Ablauf einer vom Lehmbruck Museum dilettantisch vorbereiteten Veranstaltung.
Es war verabredet, unter der Moderation von Prof. Raimund Stecker, Lehmbruck Museum, die Modelle “Deutschland schafft sich ab” und “Here & There” auf Augenhöhe gegenüber zu stellen. Nach den Vorfällen bei den Lesungen in Düsseldorf, Köln und bei einem Eintrittspreis von 15 € war mit einer Mehrheit der Sarrazin-Fans zu rechnen. Das erforderte eine stringente, strukturierte Diskussionsführung. Außer einer wenig zielgerichteten Anmoderation erfolgte keine neutrale Einführung in die sich diametral gegenüber zu stellenden Konzepte, keine geordnete Diskussionsleitung (vielmehr ein Machtkampf zugunsten der Lautesten, keine Intervention bei offensichtlichen Beleidigungen). Stattdessen tauchte der Museumsdirektor ab und überredete, Minuten vor der Diskussion, Kulturdezernent Karl Janssen auf der Couch Platz zu nehmen, der völlig unvorbereitet, gar nicht wusste wie ihm geschah, sich aber tapfer zu schlagen wusste. Damit wurde das Museum zur Bühne für Verbitterung und Hass. Und der Demagoge Sarrazin lief zu Hochform auf: „Moslems raus“, „Afrika kann von der Weltkarte verschwinden“ und der kluge Redebeitrag eines Professors der Uni Essen/Duisburg wurde sofort lautstark als intellektuell diffamiert. Eigentlich hat nur gefehlt, dass die Anwesenden „Sarrazin statt Muezzin“ skandieren.

Ich habe viele Jahre im Ausland verbracht und eine kosmopolitische Sicht auf die Welt entwickelt. Diese „Deutschtümmelei“ hat mich zutiefst (fremd) beschämt.

Ich füge meiner Stellungnahme den Erlebnisbericht eines Gymnasiasten aus Essen an:

Ich als 17jähriger Schüler bin heute, einen Tag nach dem Auftritt, noch völlig fassungslos. Ich habe als Deutscher den Glauben in mein Volk mit dem gestrigen Abend verloren.
Über 1 Millionen Bücher hat Sarrazin verkauft. Seine Intention, dieses Buch zu schreiben und diesen Rechtspopulismus zu betreiben, kennt wahrscheinlich bis heute nur er selbst.
Angst macht mir nicht Sarrazin, sondern die Masse, die er bewegt. Gestern Abend ist mir schnell klar geworden, nachdem man einige Kommentare aus dem Publikum gehört hatte und einige absolut unsinnige Beiträge mit vollem Applaus gelobt wurden, wie ein Diktator wie Adolf Hitler die Macht ergreifen konnte. Auch heute 2010 scheint die rassistische Ader noch immer tief in der deutschen Bevölkerung verankert. Und das erschreckende ist hierbei die soziale Schicht. Nicht der Langzeitarbeitslose, dessen Stelle heute vielleicht ein türkischer Mitbürger inne hat, saß dort im Publikum – sondern der deutsche Mittelstand. Rentner, bei denen die Brutalität des zweiten Weltkriegs und die Diktatur Hitlers tief im Kopf sitzen sollten.

Es scheint als hätte diese Generation, finanziert mit guten Renten (ich werde keine hohe Rente mehr haben), auch aus 9 Millionen Toten nichts, aber auch gar nichts gelernt.
Stammtisch Parolen wie „Afrika soll sich selber helfen – wir haben ja auch immer angepackt“ zeigen, dass die Wenigsten der Anwesenden eine ernsthafte Debatte führen wollten. Nach der Diskussionsrunde habe ich mit einem ehemaligen Duisburger Bürgermeister (CDU) diskutiert. Dessen Argument, die Vergasten wären keine Deutschen gewesen, war schier unfassbar.

Man sieht lieber weg oder sucht sich einen Feind der sich nicht wehren kann, als über eigene Fehler in der Integrationspolitik nachzudenken und ernsthaft daran zu arbeiten.
Sarrazin sollte merken, was er da anrichtet. Er zieht die Massen mit Zahlen und Statistiken, hinter denen Menschen wie du und ich stecken, auf seine Seite – und ein verwöhnter, deutscher Mittelstand versteht die Probleme dieser Welt nicht, möchte –die Globalisierung ignorierend- eine Festung um die Blumenwiese Deutschland bauen. Den Muslimen soll die Schuld für alle Missstände gegeben werden.

Angst macht mir die Dummheit eines Volkes, das sich von einem Populisten wie Sarrazin und ein paar Statistiken zu Rassisten machen lässt und das Sarrazin zum Anlass nimmt, seine rassistischen Denkstrukturen zu äußern.

Wenn das die Stimme meines Volkes ist, möchte ich nicht zu diesem Volk gehören.
Mir ist jeder türkische Migrant lieber, als diese egoistische und einfach dumme deutsche Stammtisch-Mentalität. Die wahren Gegner der Integration, die wahren Bremsen Deutschlands, der wahre Feind – saß gestern im Publikum und hat gegrölt.

Stellen wir uns vor, jemand wie Sarrazin, ein kalter Beamter und Bürokrat, der Menschen als Humankapital bezeichnet und Afrika als unnütz ansieht, würde in Zeiten auftauchen, in denen es Deutschland richtig schlecht geht. In Zeiten der globalen Finanzkrise und der Massenarbeitslosigkeit würde so ein Mensch Deutschland geradewegs in die nächste Rechtsdiktatur führen.

Stellungnahme von Horst Wackerbarth zur Veranstaltung mit Thilo Sarrazin im Lehmbruck Museum

admin am 24. November 2010 um 13:43

Stellungnahme von Horst Wackerbarth zur Veranstaltung im Lehmbruck Museum am 29.11.10 ab  18 Uhr „Thilo Sarrazin liest & diskutiert mit dem Künstler und dem Publikum“:

In diesen Tagen erreichen mich zahlreiche Anrufe und Emails von Einzelpersonen  und organisierten Gruppen, mit der Aufforderung und/oder der Bitte die Veranstaltung am 29. November mit/gegen Thilo Sarrazin abzusagen.
Man dürfe Thilo Sarrazin und seinen umstrittenen Aussagen kein öffentliches Forum geben und/oder es sei eine billige Masche für das Lehmbruck Museum und die Ausstellung „Here & There“ Reklame zu machen.

Hierzu nehme ich Stellung:

1. Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat sich über 650.000 Mal verkauft. Das Thema wird in allen führenden Talkshows und allen relevanten Medien, Print und TV, rauf und runter behandelt. Thilo Sarrazin hat faktisch sein Forum, die große Öffentlichkeit. Bei der Veranstaltung im Lehmbruck Museum ist der Kontext aber ein völlig anderer.

2. Die Veranstaltung im Lehmbruck ist keine Talkshow oder Selbstdarstellung für Thilo Sarrazin und dessen Buch. Denn die Ausstellung „Here & There“ ist das lebendige, menschliche Gegen-modell zu den in „Deutschland schafft sich ab“ vertretenen Thesen.  Die Gegensätze können größer nicht sein:

- Technokrat vs. Künstler
- „preußischer“ Beamter vs. Weltbürger
- Statistiken, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Prognosen
vs. Biografien von Individuen
- Populismus vs. Kunst

3. Mein Lebenswerk „ The Red Couch – A Gallery of Mankind“ bringt alle Menschen auf Augenhöhe. Die Rote Couch ist eine Bühne für Integration und Gegensätze. Seit „Here & There“ ist die Funktion der Roten Couch erweitert um eine Kommunikationsplattform für Menschen, die sich im normalen Leben nicht begegnen oder sogar aus dem Weg gehen, zum Beispiel:

- Der Neo-Nazi mit Kampfhund und Trabi und der Türke, jüdischen Glaubens vor dem
ehemaligen Hauptquartier der Gestapo in Weimar, der Stadt von Goethe, Schiller,
Beethoven, aber auch Buchenwald.
-  Die Einbürgerung vor dem Duisburger Rathaus und die Abschiebung in der JVA Büren.
- Die Polizeibeamtin mit türkischem Hintergrund und der Ultra-Fussballfan mit
italienischem Hintergrund.
- Der Vorstandsvorsitzende der TUI und die türkisch-marokkanische Auszubildende eines
Reisebüros.
- Der Kardinal aus Mittelamerika in der Moschee in Duisburg-Marxloh, usw.

Deshalb ist auch Platz für eine „Auseinander-Setzung“ mit Thilo Sarrazin und daher habe ich mich entschlossen an der Veranstaltung im Wilhelm Lehmbruck Museum teilzunehmen.

Horst Wackerbarth, Düsseldorf im November 2010

P.S.:  Das Lehmbruck Museum, ein Haus für Internationale Skulptur, befand sich zwei Jahrzehnte im „Dornröschen-Schlaf“. Vom Bestand und der Bedeutung her Bundesliga spielte es leider Regionalliga. Wenn der neue Direktor Raimund Stecker u. a. Shirin Ebadi (Iran, Friedensnobelpreisträgerin 2003), Günther Grass (Nobelpreisträger Literatur 2008) und jetzt Thilo Sarrazin einlädt, ist dies auch der Versuch, das Museum aktiv am gesellschaftlichen Diskurs teilhaben zu lassen und das ist sinnvoll.

Veranstaltungs-Info:
Thilo Sarrazin liest im LehmbruckMuseum
Montag, 29. November, 19.30 Uhr
Veranstaltung im Rahmen der Fotoausstellung „Horst Wackerbarth: Here & there“

Die Ausstellung „Horst Wackerbarth: Here & there“ ist am 29. November ab 18 Uhr geöffnet. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr, die Diskussion um etwa 20.45 Uhr. Der Eintritt für Ausstellung und Lesung beträgt 15€. Karten sind im Vorverkauf an der Museumskasse erhältlich. Beim Einlass werden Personenkontrollen durchgeführt.

Video-Interview mit Horst Wackerbarth zur Lesung und Diskussion mit Thilo Sarrazin

admin am 24. November 2010 um 11:46

Ausstellungseröffnung “Rote Couch – Here & There” – Interviews Teil 1

admin am 8. November 2010 um 14:00

Wer die Menschen sind, die auf der Roten Couch für das “Here & There” – Projekt zu Gast waren, was sie über die Arbeit mit Horst Wackerbarth denken und was sie dabei empfinden Teil einer Ausstellung zu sehen, das erzählen vier Protagonisten im folgenden Video.

Ausstellungseröffnung “Rote Couch – Here & There” – Interviews Teil 1 from Horst H. Wackerbarth on Vimeo.